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Runter kommen sie immer
Die Situation ist völlig aussichtslos. Ein Mann hängt an einer Regenrinne, die sich langsam durchbiegt. Seine Finger klammern sich an das Blech wie an die letzte Hoffnung. In dem Moment reckt sich ihm eine helfende Hand entgegen, kommt näher, berührt ihn fast, will zupacken, da saust die Hand und mit ihr der Polizist, dem sie gehört, in die Tiefe. Der Mann an der Regenrinne blickt entsetzt nach unten, und nun scheinen ihm nicht nur die Kräfte, sondern gar die Sinne zu schwinden. Der Film schließt für den Mann die Augen: Eine taktvolle Abblende will uns, wie es zunächst scheint, das Schlimmste ersparen. Das Bild versinkt im Schwarz, als wolle es Trauer tragen. Dann wird es wieder Licht – das Leben geht weiter. James Stewart alias Scottie Ferguson balanciert gut gelaunt einen Krückstock auf dem Finger. Was geschah wirklich zwischen den Bildern?
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Keine Ahnung, erwidert Alfred Hitchcock und läßt VERTIGO (1957) mit einer der unverschämtesten Ellipsen der Filmgeschichte beginnen. Der Regisseur baut eine Situation auf, für die das Wort cliffhanger erfunden wurde, und läßt den Zuschauer dann hängen über den Abgründen der Wahrscheinlichkeit. Ein Film, der davon handelt, wie Tote wieder auferstehen, erklärt die Frage, wie das Leben des Helden gerettet wurde, gleich zu Beginn für obsolet. Hitchcock setzt sich über den Anspruch seines Publikums, hierzu Näheres erfahren zu wollen, so flüchtig hinweg wie der von Stewart verfolgte Verbrecher über die Schlucht zwischen den beiden Häusern. Dem Regisseur geht es darum, gleich in den ersten zwei Minuten die Fallhöhe des Helden auszuloten; die restlichen 126 Minuten beschreiben den Sturz.
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Warum ließ das Publikum dem Master of Suspense Willkürakte wie diesen immer wieder so großzügig durchgehen? Vielleicht weil er der raffinierteste Trickbetrüger war, der je hinter der Kamera stand. Hitchcock war, seiner äußeren Erscheinung zum Trotz, ein überaus flinker Hütchenspieler, der durch pure Schnelligkeit und geschickte Ablenkungsmanöver dafür sorgte, daß es den Zuschauern nicht gelang, während des Spiels ihre Finger auf die wunden Punkte des Plots zu legen. Mehr noch: Er ist wohl der einzige Regisseur, der uns am laufenden Meter Zelluloid dramaturgische Mogelpackungen andreht und uns, nachdem wir sie geöffnet haben, dennoch immer das Gefühl geben kann, über Gebühr auf unsere Kosten gekommen zu sein.
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Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?
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Ein Mann liest eine Frau in einer Music Hall auf und nimmt sie mit nach Hause. Kaum haben die beiden seine Wohnung betreten, klingelt das Telefon. Die Frau warnt ihn, den Hörer abzunehmen. Sie behauptet, man wolle sie umbringen. Er blickt auf die Straße und stellt fest, daß unter der Laterne zwei Männer stehen – Mitglieder eines Spionagerings, der ein Staatsgeheimnis außer Landes schaffen wolle, behauptet die Frau. Mitten in der Nacht wehen die Vorhänge eines geöffneten Fensters. Plötzlich wankt die Frau mit einem Messer im Rücken auf den Mann zu. Bevor sie stirbt, kann sie ihm noch zuraunen, er sei das nächste Opfer und solle fliehen. Das Telefon klingelt, und nun schrillen bei Richard Hannay (Robert Donat), dem Helden von Hitchcocks Film THE 39 STEPS (1935), alle Alarmglocken. Er blickt auf die Straße: Da stehen wieder die zwei Männer, der eine vor, der andere in einer Telefonzelle.
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Rekapitulieren wir noch einmal: Der oder
die Mörder sind durch ein Fenster (im ersten Stock!) in Hannays Wohnung
eingedrungen und haben eine Frau erstochen (ohne sich freilich zu vergewissern,
daß sie auch wirklich tot ist). Danach stahlen sie sich auf leisen Sohlen davon,
damit Hannay ungestört weiterschlafen konnte. Kaum wieder auf der Straße,
gingen sie zur nächsten Telefonzelle, um ihn zu wecken. Bei Anruf Mord oder bei
Mord Anruf – das ist hier die Frage. Nüchtern betrachtet, kann man den Killern
den Vorwurf einer gewissen Inkonsequenz nicht ersparen. Aber was sagt das schon? Denn
Hitchcock läßt es fast nie zu, daß der Zuschauer in seinen Filmen
etwas nüchtern betrachten kann. Wohlweislich zeigt uns der Regisseur in dieser
Sequenz kein einziges Mal die Perspektive der Mörder. Würde der Zuschauer
auch nur für wenige Sekunden die Sicht der beiden einnehmen (und das bedeutet:
sich an ihre Stelle versetzen), bestände sofort die Gefahr, daß er ihr
Handeln reflektiert und die Ungereimtheiten aufdeckt. Wie für die meisten
Hitchcock-Helden bricht das Unheil, auch wenn es in Menschengestalt daherkommt,
wie eine Springflut über Hannay herein. Und eine Springflut fragt niemand
nach ihrer Motivation. Man will nur eines wissen: Wie kann man sich vor ihr retten?
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Zudem beweist Hitchcock schon in diesem
frühen Film sein nahezu untrügliches Gespür für den Moment, in
dem der ganze Schwindel auffliegen könnte. Wie ein Taschendieb, der seinem Opfer
auf den Fuß tritt, um ihm ungestört das Portemonnaie aus dem Jackett zu
ziehen, lenkt er den Zuschauer ab. Wenn Hannay von der Leiche der Frau
zurückweicht, kommen wir mit jedem Schritt der Frage näher, warum die
Mörder nicht auch ihn getötet haben. Da schrillt jäh das Telefon, so
laut, als sei der Ton durch das momentan sehr empfindliche Sensorium des Helden
verstärkt worden. Ein paarmal klingelt es, und weil unsere Leitung nicht so
lang ist wie die der Mörder, beginnen wir uns nach dem Zweck dieses Anrufs zu
fragen. Doch unmittelbar bevor wir vom Film eine Antwort verlangen wollen, findet
Hannay in der Hand der Toten eine Landkarte, auf der ein Ort in Schottland eingekreist
ist. Diese Karte, die unser Interesse sofort vom Vergangenen weg auf die Zukunft
richtet, auf den Weg, der dem Helden bevorsteht, füllt im Nu das Bild. Dann
schimmert das Gesicht der Frau durch, die einige Sätze der letzten Nacht noch
einmal direkt in die Kamera spricht. Der Film wird subjektiv und zeigt uns, was im
Kopf des Helden vorgeht. Hitchcock steigt aus der realen Situation aus, und als er
wieder in sie einsteigt, haben wir längst vergessen, was wir ihn fragen
wollten.
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Alles eine Frage der Perspektive
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Ein Vierteljahrhundert nachdem es Richard Hannay in THE 39 STEPS von London ins schottische Hochland verschlug, trieb Hitchcock einen seiner Helden auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten in die gleiche Fluchtrichtung: NORTH BY NORTHWEST (1958). Den Gegenspielern, die Roger O. Thornhill (Cary Grant) töten wollen, gibt der Film allerdings schon nach wenigen Minuten Gesichter. Dennoch räumt Hitchcocks Inszenierung ihnen zunächst kein Eigenleben ein, das unabhängig vom Helden existiert. Robert Burks' Kamera bewegt sich zu Beginn des Films vom Tisch, an dem Thornhill mit Geschäftspartnern sitzt, zügig durch die Lobby des Hotels zu den beiden Männern, die den Helden kurz darauf entführen. In einem Landhaus, wo wir zusammen mit ihm den Auftraggeber der beiden, Phillip Vandamm (James Mason), kennenlernen, verläßt die Kamera nie den Raum, in dem Thornhill eingesperrt ist. Als Vandamm wieder hinausgeht, folgt sie diesem, setzt sich in Bewegung, verharrt aber genau vor der Türschwelle, die für Thornhill eine unüberwindliche Grenze markiert – als würde auch sie von den beiden Killern zurückgehalten, die dem Helden wenige Augenblicke später den letzten Rest seiner Bewegungsfreiheit nehmen werden.
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THE 39 STEPS und NORTH BY NORTHWEST zeigen auch die andere Seite des Suspense: Der Wissensvorsprung, den Hitchcock uns gegenüber den Helden gibt, darf unter keinen Umständen so groß werden, daß wir uns zu weit von ihnen entfernen. Dann wäre die Identifikation mit ihnen gefährdet. Die Blickwechsel mit anderen Figuren, die Thornhill in einem zweifelhaften Licht erscheinen lassen, oder die Aufsichten, aus denen die Kamera auf ihn blickt, täuschen etwas vor, was es gar nicht gibt: Objektivität ist im ersten Akt dieses Films ein bloßes Phantom, der unsichtbare Dritte, der nicht existiert. Ohne daß wir es richtig mitbekommen, bringt uns Hitchcock dazu, in Thornhills Haut zu schlüpfen wie in den Maßanzug dieses Mannes. Der Plot des Films ist zunächst nichts anderes als Thornhills Charakter, in Handlung umgesetzt. Die Exposition vermittelt uns unter anderem, daß Thornhill unzuverlässig ist, daß er gelegentlich lügt und gerne trinkt. Der Plot dient vor allem dem Zweck, dem Helden genau diese Schwächen zum Verhängnis werden zu lassen. Kein Spionagering der Welt würde einen enttarnten feindlichen Agenten erst mit Bourbon abfüllen, dann hinter das Steuer eines Wagens setzen (zudem: eines gut einsehbaren Cabrios!), diesen unter Gefährdung der eigenen Leute auf eine kurvenreiche Küstenstraße steuern und hoffen, daß er in den Abgrund stürzt. (NORTH BY NORTHWEST gibt uns auch keinen triftigen Grund an, warum dieser Mord als Unfall kaschiert werden muß.) Doch Hitchcock ist hier schon einen Schritt weiter: in der Situation danach, wenn niemand, die Polizei nicht und noch weniger die eigene Mutter, Thornhill auch nur ein Wort glaubt. Hitchcock setzt einen wenig plausiblen Mordversuch spannend in Szene und zieht gleich danach aus der Tatsache, wie hanebüchen er ist, komischen Nutzen. Der Regisseur schließt den Mangel an Plausibilität kurz und freut sich daran, wie die Funken fliegen.
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Die Killer kündigen sich telefonisch
an. Warum? Wollen sie einen Termin vereinbaren? Während des Telefonats setzt sich
die Kamera in Bewegung, kommt auf Grants Gesicht zu wie die nahende Bedrohung und
verharrt, in leichter Aufsicht, über seinem Kopf: in jener Einstellung, die
in Hitchcock-Filmen fast immer Lebensgefahr signalisiert. Die Suggestivkraft dieser
Fahrt zieht die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich, mit halbem Ohr hört er
nur noch hin, während es in seinem Kopf wie in dem Thornhills fieberhaft
arbeitet. Kaum gibt uns der Regisseur aus dem Griff der Einstellung frei, inszeniert
er einen kurzen Fluchtweg zum Aufzug – zu kurz, um darüber nachzudenken,
warum die Killer Thornhill und seiner Mutter Zeit geben, den Raum lebend zu verlassen.
Und schon ist Hitchcock genau in jener Situation, auf die alles Vorherige hinsteuerte:
Thornhill, seine Mutter, die beiden Killer und viele nichtsahnende Hotelgäste
stehen zusammen im Aufzug, eingeschlossen und auf engstem Raum.
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»You gentlemen aren't really trying
to kill my son, are you?« fragt Mutter unbekümmert. Die Gesichter der
Killer gefrieren kurz, doch dann fangen die beiden an zu lachen, erst zaghaft, bald
darauf herzhaft. Mutter läßt sich davon anstecken, nach und nach stimmen
auch die anderen Fahrgäste mit ein. Nur einer findet das alles gar nicht
komisch: Roger Thornhill, unser Held. Wir können nicht umhin mitzulachen und
fühlen uns Thornhill doch so nahe wie noch nie, weil wir wissen, daß er
recht hat und in großer Gefahr schwebt. Diese Szene ist ein schlagendes
Beispiel für Hitchcocks Fähigkeit, Thrill und Komik so zu verbinden,
daß sie sich gegenseitig hochschaukeln.
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Wie wahrscheinlich ist die Wirklichkeit?
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Kräftige Hände haken sich von rechts und links unter die Achseln eines
Mannes und ziehen diesen von der Kamera weg zu einem Auto. Exakt die gleiche
Einstellung, in der Roger O. Thornhill aus seinem Leben in das Abenteuer entführt
wird, hatte Hitchcock zwei Jahre zuvor schon einmal verwendet. Nur war sie da noch
schwarzweiß, und aus dem Gesicht des Mannes, der genauso überrascht und
hilflos war wie Thornhill, wich der bittere Ernst den ganzen Film über ebensowenig
wie aus dem Cary Grants die sanfte Ironie: Henry Fonda spielt die Hauptrolle in
THE WRONG MAN (1956) – auch einen falschen Mann
in echten Schwierigkeiten. In seiner Einführung am Anfang des Films beteuert
Hitchcock, er habe die folgende Geschichte, die so seltsam sei, daß man sie
wohl nicht hätte erfinden können, mitten aus dem Leben gegriffen. Das ist
nicht falsch, aber nur die halbe Wahrheit.
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Zwei Polizisten setzt Hitchcock beim Vergleich
mehrerer Schriftproben ins Bild wie Kartenspieler, die sich von niemandem ins Blatt schauen
lassen, nicht einmal vom Zuschauer. Sie studieren genau die Schriften, besprechen sich,
wundern sich, wenden sich Manny zu, geben ihm zu verstehen, es sehe sehr böse für
ihn aus. Doch was sie entdeckt haben, erfahren auch wir erst in dem Moment, als sie es dem
Helden zeigen: Manny ist der gleiche Rechtschreibfehler unterlaufen wie dem Täter.
Später, beim Prozeß, legt eine Zeugin Manny bei der Identifizierung die Hand
auf die Schulter, die im Anschnitt zu sehen ist. Die Kamera blickt aus wenigen Zentimetern
auf die Hand hinab, scheinbar mit Mannys Augen, als habe er seinen Kopf leicht zur Seite
geneigt. Diese Einstellung gibt uns das Gefühl, als wäre es unsere eigene
Intimsphäre, die hier verletzt, unser Körper, der angetastet wird. In diesem
Augenblick berührt uns der Film nicht bloß, sondern ergreift uns.
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Doch Hitchcock, der Purist der Perspektive,
begeht in THE WRONG MAN einen Stilbruch: ein einfacher
Blickwechsel, der uns aber in eine andere Welt katapultiert, in die Welt der Anderen,
die nichts unversucht lassen, Manny Balestrero ins Gefängnis zu bringen. Hinter
Gittern ist er schon in dieser Szene, die in einem Versicherungsbüro spielt:
Senkrechte Stäbe trennen Manny von der Frau hinter dem Tresen. Sie glaubt in
ihm jenen Mann wiederzuerkennen, der die Filiale vor einigen Monaten überfallen
hat, geht nach hinten und informiert ihre Kolleginnen. In der gesamten Sequenz nimmt
der Film nun nur noch die Perspektiven der Frauen ein: Sie schirmen einander vor dem
Mann ab, um ihn heimlich in Augenschein nehmen zu können, ihre Körper schieben
sich im Vordergrund ins Bild, in Unschärfe verschwimmend, visuelle Schutzschilde
vor den auch aus der Ferne und in Schwarzweiß stechenden Blicken Henry
Fondas.
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Gewiß sollte diese Sequenz in
Hitchcocks Augen erklären helfen, wie ein so offenkundig unbescholtener Mann
wie Balestrero in einen so schwerwiegenden Verdacht geraten konnte. Doch wenn wir
Manny dort stehen sehen, am anderen Ende des Raumes, hinter dem Gitter, dann haben
wir viel Zeit, uns mit jenen Fragen zu beschäftigen, die uns Hitchcock sonst
kaum zu Ende formulieren läßt: Wie können die Frauen ernsthaft glauben,
daß ein Mann nur wenige Monate später die gleiche Filiale noch einmal
überfallen würde, erneut ohne Maske? Würde er eine Versicherungspolice,
die er dort abgeschlossen hat, mit seinem Namen und seiner Adresse auf den Tisch legen,
prüfen lassen und dann unverrichteter Dinge wieder weggehen? Es war so, hat uns
Hitchcock am Anfang versichert, und doch hören wir diese Worte schon wenige
Minuten später nur noch wie einen fernen Hall, so tief hat uns der Film
hineingezogen in die Welt des Kinos, die eigene Gesetze hat. Eines lautet: Man kann
die Wirklichkeit nicht als Zeugen aufrufen, um sie für die Glaubwürdigkeit
der Geschichte bürgen zu lassen.
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Zwei Entlastungszeugen will Manny
vorbringen; beide sind, wie er herausfindet, verstorben; seine Frau (Vera Miles)
kann darüber nur noch hysterisch lachen. Dann fällt Manny ein, daß
er am Tag eines der Überfälle, die man ihm zur Last legt, Zahnweh hatte
und zum Arzt ging. Mit den schmerzenden Weisheitszähnen seiner Frau fing der
Film an. Schon wieder Zahnschmerzen? Besser nicht, würde ein Drehbuchautor
sagen, der eine Geschichte schreibt. Doch diese Geschichte hat sich das Leben
selbst ausgedacht. Bevor der Aberwitz der realen Zufälle überhand nimmt,
konzentriert sich THE WRONG MAN auf den psychischen
Verfall von Mannys Frau, richtet den Blick von der kriminalistischen auf die
melodramatische Ebene. Hitchcock hat diese Verlagerung als Schwäche empfunden.
Es gibt gute Gründe, sie eher als gelungene Flucht nach vorn zu begreifen.
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Dies ist einer der wenigen Hitchcock-Filme,
die uns bei der Suche nach einer Identifikationsfigur im Stich lassen. Die
Ausgangsidee erzwingt eine Dramaturgie, die einen der beiden Protagonisten immer
wieder für fünf bis zehn Minuten aus den Augen verliert. Zwar gerät
der Tennisspieler Guy unschuldig in Verdacht, nachdem Bruno mit der Ermordung von
dessen Frau in Vorleistung gegangen ist, dennoch wollen wir nicht recht mit ihm
bangen. Aalglatt und gänzlich humorlos, kann er offenbar für nichts
Leidenschaft aufbringen, nicht einmal für das Spiel, das ihn zu einer
landesweit bekannten Persönlichkeit gemacht hat. Hitchcock gibt sich wenig
Mühe, uns Guy nahezubringen. Er bleibt ein unbeschriebenes Blatt, das auch
am Ende des Films so weiß ist wie die Kleidung, die er trägt. (Waren
Gregory Peck, Montgomery Clift oder auch Paul Newman schwer mit dem Stil des
Regisseurs vereinbar, so erwischte er mit Farley Granger einen wirklich schlechten
Darsteller.) Viel faszinierender ist es zu beobachten, wie der sinistre Bruno, der
schwarze Fleck, sich immer weiter ausbreitet.
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Wenn wir in
STRANGERS ON A TRAIN sehen, wie die Zuschauer
eines Tennisspiels unentwegt den Kopf hin und her wenden – während
Bruno starr auf Guy blickt –, um dem Ball zu folgen (eine hübsche
Idee, die heute leider nicht mehr funktioniert, weil uns die Tennis-Übertragungen
im Fernsehen gelehrt haben, daß man auf der Tribüne nicht die Köpfe,
sondern nur die Augen bewegt), dann blicken wir in einen Spiegel: Auch wir
müssen ständig von einem zum anderen Kontrahenten schauen. Im Kinosessel
werden wir so aber zu Schiedsrichtern über die Figuren, verfolgen das Spiel
ebenso unbeteiligt wie wachsam, immer auf der Suche nach Fehlern, unentschieden,
wer gewinnen soll. Nachdem die Hälfte des Films vorüber ist, erzählt
Guy seiner Freundin Ann (Ruth Roman), die schon seit geraumer Zeit etwas ahnt und
damit zunehmend zur heimlichen Hauptfigur wird, die Wahrheit: Bruno habe Guys Frau
ermordet, dafür solle er nun dessen Vater töten.
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Nach einer Ellipse, die viele Fragen
offenläßt, sehen wir, wie Guy nachts eine Pistole an sich nimmt. Er
dringt in das Haus von Brunos Familie ein und bewegt sich an einem Hund vorbei
die Treppe hoch. Dann schleicht er zum Schlafzimmer des Vaters, öffnet die
Tür, nähert sich dem Bett – da geht das Licht an: Unter der Decke
liegt nicht der Vater, sondern Bruno. Mit dieser Sequenz begeht Hitchcock einen
Betrug am Publikum, gegenüber dem die lügende Rückblende in
STAGE FRIGHT (1949) ein Jahr zuvor wie ein
Kavaliersdelikt wirkt. Nach der Aussprache mit Ann, der moralischen Instanz
im Film, wirkt dieses Manöver, das uns suggeriert, Guy wolle Brunos
Vater wirklich töten, von Beginn an durchschaubar. Es kommt aber noch
schlimmer: Im anschließenden Gespräch mit Bruno will uns der
Film weismachen, Guy sei gekommen, um dem Vater die Absichten seines Sohnes
zu verraten. In der Nacht? Mit einer Pistole?? Heimlich durchs Haus
schleichend???
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Von diesem Zeitpunkt an möchte
man dem Film kein Bild mehr glauben. Guy muß, so rechnet er sich aus, ein
Tennisspiel in drei Sätzen gewinnen, um Bruno einzuholen, der ihm den Mord
an seiner Frau anhängen will – tatsächlich braucht er fünf.
Wieso verliert Guy das Spiel nicht einfach? Warum simuliert er nicht einfach
eine Verletzung? Wie kann er so sicher sein, daß Bruno Guys Feuerzeug erst
nach Anbruch der Dunkelheit als falsches Indiz an den Ort des Verbrechens
bringen wird? Wieso läßt der sonst so schlaue Bruno das Feuerzeug
in einen Gully fallen? Überhaupt, das Feuerzeug: Was würde es
beweisen? Guys Frau könnte auf alle erdenkliche Weise selbst in dessen
Besitz gelangt sein und es verloren haben, als sie ermordet wurde. Die
Unzufriedenheit des Zuschauers wächst, während die Parallelmontage
am Ende von STRANGERS ON A TRAIN immer lauter
knirscht und knarrt. Wie beim Karussell im Showdown wirken hier
Fliehkräfte, die den Film zum Opfer der eigenen Konstruktion werden lassen,
bis er, schwer havariert, zum Erliegen kommt.
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Zum Greifen nah und doch Lichtjahre entfernt: Die Welt |
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Begeht der Bösewicht eines Films einen gravierenden Fehler, büßt er
an Bedrohlichkeit ein. Der Held dagegen hat in solch einem Fall viel mehr zu
verlieren: unser Verständnis. Kein Mensch will sich mit einem Stümper
identifizieren, kein Held quält uns mehr als ein Tor, den wir immer mit der
Nase auf die naheliegenden Dinge stoßen möchten. Wenn der Protagonist
dagegen alles richtig macht und dennoch immer mehr in Gefahr gerät, kann uns
die Spannung bis ans Herz wachsen. Manchmal riskiert aber auch Hitchcock,
daß wir einem seiner Helden fast die Freundschaft aufkündigen. Wenn
Roger O. Thornhill das Messer aus dem Rücken eines Mannes zieht, der ihm in
die Arme sinkt, wenn er dann noch lauthals »Look!« ruft und die Tatwaffe fotogen
in die Höhe hält, so daß ihn die anwesenden Reporter in aller
Ruhe ablichten können, schütteln wir nur den Kopf: Was tun manche
Menschen nicht alles, um in die Zeitung zu kommen!
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Was würden wir machen, wenn wir
uns nicht aus der Wohnung bewegen könnten und die sich nähernden
Schritte eines Mannes hörten, der uns umbringen will? Auch wenn die
wenigsten aus Erfahrung sprechen können: Wir würden um Hilfe schreien,
und zwar nicht nach vorheriger Überlegung, was am besten zu tun sei, sondern
instinktiv. Der an den Rollstuhl gefesselte Fotoreporter L.B. Jeffries (James
Stewart) in REAR WINDOW (1953) schreit in diesem
Moment nicht (auch zuvor nicht, als seine Freundin in tödliche Gefahr
gerät). Doch weder ist Jeffries stumm, noch hat es ihm die Sprache
verschlagen. Es ist auch nicht so, daß ihn ohnehin niemand hören
würde. Im Gegenteil, das Fenster zum Hof steht weit offen. Was nicht
offensteht, ist die Option, von den Menschen auf der anderen Seite gerettet
zu werden. Er könnte ihnen zurufen, gewiß. Aber bis der Schall sie
erreichen würde, wäre Jeffries tot. Sie wohnen direkt gegenüber
und sind dennoch Lichtjahre entfernt. Zwischen Sichtweite und Reichweite liegen
in REAR WINDOW Welten.
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Die Tatsache, daß Jeffries
nicht um Hilfe schreit, ist erstaunlich. Die Tatsache, daß wir nicht
aufschreien, weil er es nicht tut, ist fast unbegreiflich. Wie hat Hitchcock
das hinbekommen? Nicht, indem er die Möglichkeit der Kommunikation
innerhalb des Hofes unterschlagen hätte. Wir erinnern uns: Nach etwa zwei
Dritteln des Films rufen die Wehklagen einer Frau über ihren
getöteten Hund im Nu die Hofbewohner auf den Plan. Doch der Regisseur
setzt alles daran, Jeffries nicht als einen Teil dieser Welt erscheinen zu
lassen. Keinen einzigen Blick wirft Hitchcock aus den anderen Wohnungen auf
den Helden. Der erste Kontakt, den die Welt gegenüber mit Jeffries
aufnimmt, ist der Blick des Mörders Thorwald, der kurz vor Schluß
des Films unseren Helden erfaßt. Wenn Thorwald sich dann auf den Weg
zu Jeffries macht, wirkt dieser Schritt im ersten Moment ebenso irreal wie
jener, mit dem Jeff Daniels in THE PURPLE ROSE OF
CAIRO (R: Woody Allen, 1984) von der
Leinwand ins Leben steigt. Deswegen kommen wir nicht auf den Gedanken,
daß Jeffries um Hilfe rufen könnte: Das wäre so, als
säßen wir im Kino und würden laut schreien, in der Hoffnung,
die Figuren auf der Leinwand würden uns hören und uns aus
höchster Gefahr retten.
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Master of suspension of disbelief |
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Ein Bild tritt ins Leben. Madeleine Elster (Kim Novak) in
VERTIGO ist, wie es scheint, von dem Portrait
der Carlotta Valdes besessen und gleicht sich diesem bis aufs Haar an. Wie
einst Carlotta begeht Madeleine Selbstmord. Scottie Ferguson muß dies
hilflos mit ansehen. Wenig später trifft er Judy Barton, die Madeleine
unfaßbar ähnlich sieht – bis auf die Haare. So fängt
er an, aus Judy ein Eben-Bild Madeleines zu machen, eine Traumfrau,
ausgemalt nicht in der Phantasie, sondern im wirklichen Leben. Dieses
Bild dreht Hitchcock plötzlich einfach um und zeigt uns die Rückseite.
Wir erkennen sofort: Judy ist nicht die Kopie, sondern das Original. Die
Fälschung, mit der wir es zu tun haben, hat einen weit
größeren Rahmen: In einem Brief an Scottie gesteht Judy, daß
sie Madeleine nur gespielt hat. Sie war die Hauptakteurin in einem Komplott,
mit dem Gavin Elster die Ermordung seiner Frau als Selbstmord tarnen wollte.
Als Judy den Brief fertig hat, zerreißt sie ihn. Doch seinen wahren
Adressaten hat er längst erreicht: den Zuschauer.
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Der Held ist blind vor Liebe
und leidet an Höhenangst, so daß er den Dingen niemals auf den
Grund schauen kann. Das müssen wir für ihn tun. Dank Hitchcocks
Hilfe und Judys Brief können wir uns im Nu ein umfassendes Bild machen.
Und doch irritiert diese Szene bei jedem Sehen von
VERTIGO aufs neue. Der innere Monolog (von dem
Hitchcock in seinen Filmen so gut wie nie Gebrauch macht) wirkt in diesem
Film, in dem wir gebannt verfolgen, wie sich das Innenleben der Figuren
durch Blicke und kaum merkliche mimische Regungen langsam einen Weg nach
außen bahnt, sehr indiskret. Da kurz zuvor in die gleiche Sequenz
bereits Bilder vom Mord auf dem Kirchturm eingeschnitten wurden, fühlen
wir uns vom Film, wenn er das jetzt noch einmal verbal wiederholt, sogar
weit unterschätzt. Das Ungewöhnlichste aber ist: Resultiert der
Suspense bei Hitchcock sonst daraus, daß wir uns wünschen, der
Held möge schleunigst herausfinden, was wir schon wissen (denn meistens
hängt sein Leben davon ab), so stürzt uns
VERTIGO in einen tiefen Zwiespalt. Scotties
Leben ist nicht im geringsten gefährdet, wohl aber sein Glück.
Doch das wird, so ahnen wir schon hier, vorbei sein, wenn er hinter Judys
Geheimnis kommt.
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Vielleicht war sich Hitchcock
dessen gar nicht bewußt, aber er versetzt uns in die Situation eines
Menschen, der soeben Informationen erhalten hat, die über das Schicksal
anderer Menschen entscheiden, und nicht weiß, ob er sie weitergeben
soll. Folglich denken wir weniger über diese Informationen selbst als
über ihre Konsequenzen nach. So gelingt es Hitchcock, den womöglich
absurdesten Mordplan, den man in seinen Filmen findet, offenzulegen und
zugleich wieder zu vertuschen. Warum ist Gavin Elster als Zeugen für
den vermeintlichen Selbstmord auf einen Mann verfallen, der an Höhenangst
leidet? Konnte sich der Mörder denn darauf verlassen, daß es
Scottie nicht bis zur Turmspitze schafft? Konnte Gavin Elster darüber
hinaus sicher sein, daß er und Judy nach dem Mord auf dem Turm nicht
entdeckt würden? Wie wahrscheinlich ist es, daß Scottie Elsters
Frau vorher nie zu Gesicht bekam? (Hitchcock zeigt sie uns nicht, so daß
uns dieses Problem nicht richtig ins Bewußtsein tritt.) Wird selbst bei
der Verhandlung kein einziges Foto der wahren Madeleine Elster vorgelegt, das
Scottie sofort die Augen öffnen würde? Warum verpflichtete Elster
mit Judy eine Frau, die in der gleichen Stadt lebt wie Scottie und diesem
tagtäglich über den Weg laufen kann?
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In diesem Mordplan findet man
Löcher, wohin man sieht – doch der Zuschauer blickt kaum in sie
hinein. Ihm geht es wie Scottie: Hitchcock hat uns verliebt gemacht in
seinen Film, wir sind zu sehr von seiner Schönheit geblendet, um
klar zu sehen, zu begierig darauf, das Abenteuer, auf das wir uns eingelassen
haben, nun auch auszukosten. Eine ménage à trois
zwischen Judy, Scottie und uns hat begonnen, und es wäre gänzlich
unromantisch, auf die Vernunft zu hören, die uns davor warnt, uns dem
Film hinzugeben. Wenn Hitchcocks Ablenkungsmanöver versagen, wenn die
jäh heraufbeschworenen lebensgefährlichen oder irrwitzigen
Situationen uns nicht mehr hinwegtäuschen können über all
den groben Unfug – dann ist es an uns, großzügig zu sein
oder nicht. Manchmal müssen wir Hitchcock seine Willkürakte
einfach verzeihen. Und wenn wir dies tun, können wir ziemlich sicher
sein, daß er uns für unsere Nachsicht reich belohnen
wird.
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© Bertz + Fischer GbR, 1999
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